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SCSmail – klein und hilfreich

Das neue, kostenlose E-Mail-Tool von SCS

SCSmail – klein und hilfreich

SCSmail

Sie fragen sich nun vielleicht, ob es nicht schon genügend Möglichkeiten für "E-Mail over PACTOR" gibt: SailMail ist z. B. einer der bekanntesten Service-Provider für HF-E-Mail und bietet seinen Mitgliedern (vornehmlich Seglern) über ein weltweites Netz leistungsstarker Einwahlstationen pro Tag ca. 12 Minuten Verbindungszeit.

Alle diese Dienste haben eines gemeinsam: Man muss sich zunächst anmelden und benötigt eine spezielle, neue E-Mail-Adresse - also einen eigenen "HF-E-Mail-Account" - und üblicherweise auch eine spezielle E-Mail-Software,  kann also nicht den E-Mail-Client (z. B. Outlook Express) verwenden, den man gewöhnt ist.

Es geht aber auch anders: Das neue E-Mail-Tool SCSmail eröffnet die Möglichkeit, kleine, "eigene" E-Mail-Einwahlknoten aufzubauen und darüber beliebige E-Mail zu transferieren. Um einen Einwahlknoten zur Verfügung stellen zu können, genügt eine Verbindung zum Internet sowie eine Kurzwellenanlage. Das Beste daran: Man kann über solche E-Mail-Knoten als "User" weiterhin sein normales E-Mail-Programm einsetzen und auf beliebige E-Mail-Postfächer zugreifen. Es ist keine neue E-Mail-Adresse nötig.

SCSmail scheme

Als ich von SCSmail das erste Mal hörte, war mir sofort klar: Das musst Du ausprobieren! Da ich selbst Funkamateur und Segler bin, konnte ich es  kaum erwarten, das neue Tool in der Praxis zu testen. Ich erhielt die Software noch 30 Minuten vor „Anker auf“ in St. Helena im Südatlantik, als ich gerade nochmal schnell mit WiFi meine E-Mail-Konten abfragte, bevor es ohne Internet 2200 Seemeilen, also gut 22 Tage, auf den Weg nach Rio de Janeiro ging. Eigentlich hätte ich SCSmail gern schon zwei Wochen früher zur Verfügung gehabt, denn während der letzten beiden Wochen war das Zeitlimit über "normale" E-Mail-Provider bereits etwas knapp. Ich sende sehr viele E-Mails (mit Attachments) über Kurzwelle, da ich täglich eine eigene Blogseite mit Bildern und Text füttere. Bei einem "privaten" SCSmail-Einwahlknoten gibt es prinzipbedingt keine zeitlichen Restriktionen.

Wie bereits kurz erwähnt: Grundbedingung für den (maritim-)mobilen Einsatz ist eine Kurzwellenstation an Land mit Internetverbindung, die mit SCSmail zu einem Host-Einwahlknoten für E-Mail wird. Das System verhält sich dann im Wesentlichen so, wie man es von großen E-Mail-Providern "an Land" gewöhnt ist. Der einzige echte Unterschied: Der mobile Nutzer wählt sich nicht über DSL oder andere, leitungsgebundene physikalische Dienste ein, sondern über SSB/PACTOR. Alles andere ist vergleichbar mit "E-Mail von zuhause": Einwählen und seine E-Mails über einen beliebigen POP3/SMTP-Zugang abrufen. 

Ein großes Problem galt es allerdings vor den ersten praktischen Versuchen mit SCSmail zu überwinden: Es fand sich zunächst im Umkreis von mehreren Tausend Seemeilen im Südatlantik niemand, der schon einen SCSmail-Knoten bereitgestellt hatte. Ich musste mich also zunächst darum kümmern, einen eigenen SCSmail-Knoten im Einzugsbereich des Südatlantik als Gegenstelle für die Tests zur Verfügung zu bekommen. 

Nachdem ich etwas in der Amateurfunkszene herumgefragt hatte, bot sich Volker (Amateurfunkrufzeichen: C5CAT) an, mir an zwei Stunden pro Tag seine Kurzwellenstation, bestehend aus einem Yaesu FT-897D mit angeschlossenem PTC-IIusb, sowie die obligatorische (WLAN-)Internetverbindung für einen SCSmail-Knoten  zur Verfügung zu stellen. Über diesen einfachen und sehr schnell eingerichteten E-Mail-Zugang konnte ich schließlich meinen Gmail-Account während meiner 20-tägigen Reise von St. Helena nach Rio de Janeiro abrufen und SCSmail ausgiebig testen.

Die Software war auch schnell auf meinem Laptop an Board der Iron Lady installiert, wobei es eigentlich gar keine Installationsroutine gibt, sondern die Programmdateien von Hand in ein Programmverzeichnis expandiert werden; für einen erfahrenen PC-Anwender sicher kein Problem, für den unbedarften Enduser ggf. schon. Hier wäre es nach meiner Einschätzung vorteilhaft, wenn SCS eine echte Installationsroutine mitliefern würde, auch wenn dies ein bisschen wie mit "Kanonen auf Spatzen geschossen" erscheint. Nach der "Installation" gilt es, SCSmail für den Gebrauch zu konfigurieren. Dabei ist dann doch etwas Erfahrung mit  SCS-Modems, SSB-Transceivern und der POP3- und SMTP-Terminologie gefragt. Der SCS-Händler oder die SCS-Hotline kann hier aber bestimmt helfend zur Seite stehen, falls Unklarheiten auftreten sollten. Das Handbuch ist kurz und knapp, enthält aber alle notwendigen Informationen.

SCSmail in Aktion

Nach Eingabe aller nötigen Daten, klicke ich sofort neugierig auf „RUN“, wähle die 14112.50 kHz via Remote-Control, und mein ICOM 706 springt auf die mit Volker vereinbarte Frequenz. Von meinem E-Mail-Programm habe ich schon zwei E-Mails zum Versand vorbereitet, eine davon mit einem Bild für unsere Internetseite. Mit einem Klick auf „Connect to C5CAT", also Volkers SCSmail-Knoten auf Martinique in der Karibik, „Bsrr, Bsrrrrrr...“, geht die Übertragung los. Volker benutzt die gleiche Software, also SCSmail, jedoch im Server-Mode. Die Umstellung vom Client- auf den Server-Mode läßt sich mit einem einzigen Mouse-Klick durchführen. Volker hat als E-Mail-Größenlimit 100 kB angegeben, da sonst evtl. die Kurzwellenstrecke überlastet werden könnte. PACTOR eignet sich nämlich nicht unbedingt zum Übertragen sehr großer Dateien, da maximal etwa 5200 Bit/s, also 40 kB/min übertragen werden können. Nachdem die Verbindung automatisch nach Empfang aller E-Mails auf meinem G-Mail Account und dem Versand aller E-Mails von meinem lokalen Outlook-Account beendet ist, hole ich diese mit dem Download-Button in Outlook, schließe SCSmail sowie meine Funkstation und bearbeite meine neu erhaltenen E-mails wie gewohnt in Outlook.

„Hey, das ist easy!“ denke ich mir. Bei weiteren Tests in den nächsten Tagen erkenne ich allerdings auch die möglichen Nachteile im Vergleich zu großen, öffentlichen HF-E-Mail-Providern: Zwischen zwei recht schwachen Schiffskurzwellenstationen sind die PACTOR-Verbindungen oft nur mittelmäßig und nur zu gewissen Uhrzeiten möglich, also bei guten Ausbreitungsbedingungen. Nun muss man allerdings bedenken, dass Volker und ich etwa 2000 Seemeilen auseinander sind. Fast alle SailMail- und viele der Winlink-Stationen arbeiten mit sehr guten / großen Antennen an exponierten Stellen und teils mit sehr viel Ausgangsleistung, sind also besser zu erreichen. Das ist der mögliche "Knackpunkt" an der ganzen Geschichte. Für Betrieb an Segelbooten empfiehlt sich also nur dann ein Ausweichen auf die "private" SCSmail-Alternative, wenn man über eine starke Landstation verfügt, die zum Beispiel per Richtantenne eine optimale Kurzwellenverbindung herstellt. SCSmail sollte zudem generell bei kleineren Entfernungen, wie zum Beispiel in Küstenbereichen, im Mittelmeer oder der Karibik, sinnvoll einsetzbar sein.

Die neue SCS-Software stellt außerdem ein feines Tool für alle dar, die die SCS-Modems schnell und unverbindlich testen oder deren Leistungsfähigkeit prinzipiell in einem individuellen Kurzwellennetzwerk nutzen wollen. Ein Testaufbau ist  binnen Minuten gemacht, und man kommt direkt zu reproduzierbaren und vergleichbaren Ergebnissen. Der Aufbau eines individuellen PACTOR-Netzwerks ist außerdem kostenlos und schnell umgesetzt. Prima SCS.

Verbesserungswürdig ist aus meiner Sicht der Schutz vor Spam. Sind die benutzten E-Mail- Accounts Spam-verseucht, wird die Kurzwellenstrecke schnell überlastet. Die Datenmengenbegrenzung hilft hier nicht mehr. Es ist also bei der derzeitigen SCSmail-Version vorteilhaft, E-Mail-Adressen zu benutzen, die ausschließlich für die Verwendung über Kurzwelle (also nicht sehr häufig) und nicht im Internet genutzt werden, oder man muss sicherstellen, dass das Konto durch entsprechende Spam-Filter 100%ig geschützt ist. SailMail benutzt dagegen eine sehr gute Anti-Spam-Software, was dort allerdings schonmal dazu führen kann, dass E-Mails verloren gehen. Hierzu gibt es den Lösungsansatz, statt der gesamten E-Mails, nur die Header zu übertragen, also, Absender, Datum, Subjekt und Größe der Dateien. In einer Liste kann der Nutzer dann entscheiden, ob er die entsprechende E-Mail wirklich haben will, mit oder ohne Anhang, ob er Mail auf dem Server löschen oder dort liegen lassen will, usw. Dieses Konzept hat Jim Corenman sehr gut in seiner Software AirMail umgesetzt und nennt dieses Feature „Shadow Mail“. Auch E-Mail-Programme wie „TheBAT“ unterstützen diese Technologie schon lange und erfolgreich. Zweiter Lösungsansatz ist, wie bei WinLink, eine Whitelist, also nur E-Mails von Absendern für den Empfang zuzulassen, die man in einer Liste verwaltet oder an die man bereits eine E-Mail geschickt hat.

Für professionelle Mehrfach-Betriebssysteme unverzichtbar, wie zum Beispiel in meinem Fall, bei dem Windows auf einem MacBook unter Parallels läuft, sollten sich die POP3- und SMTP-Ports und die IP des LOCALHOST optional frei bestimmen lassen, ansonsten ist es nicht möglich, die empfangenen E-Mails in das MAC OS zu importieren.

Alles in allem stellt SCSmail in der aktuellen Version eine äußerst interessante Software für den privaten und kommerziellen Einsatz dar, die die Vielseitigkeit der  SCS-Produkte unterstreicht. Für den Segler ist SCSmail allerdings nur bedingt eine Alternative zu den weltweit ausgebauten Netzwerken wie SailMail oder WinLink und soll laut Aussage von SCS nicht direkt mit diesen in Konkurrenz treten oder sie sogar ersetzen.

Hier auf dieser Website kann man die die Software kostenlos im Download-Bereich runterladen.

Michael Wnuk, DL1JD, April 2010 auf 20°00S 023°09W, www.ironlady.de

 

 

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